Der Hase und der Igel – Anmerkungen zur eEducation-Fachtagung 2017

25. November 2017

Ich mag Märchen. Ich habe sie als Kind selbst gerne gelesen. Ich habe Sie gerne meinen Kindern vorgelesen. Und ich greife gerne auf sie als „analoge Illustration“ bei Vorträgen und Workshops zurück. Und diesmal war es das Märchen vom Hasen und vom Igel, das die eEducation-Fachtagung 2017 – ganz tolle Tagung, fand ich übrigens! – in Salzburg für mich am besten zusammenfasst. Wer das Märchen noch nicht kennt, kann sich hier schlau machen. Wer es schon kennt kann gleich weiterlesen.

„Digitalisierung ist mir wichtig – weil sie einfach da ist!“ 

Bildungsministerin Hammerschmid nützte die eEducation-Fachtagung in ihrem Statement am Freitagmorgen in gewohnt eloquenter, sympathischer Weise, kurz die Entwicklungen rund um Schule 4.0 (Education Innovation Studios EIS, Pilotierung der Verbindlichen Übung Digitale Grundbildung, SiMOOC, OER-Lernmaterialien, Media Literacy Award etc.) darzustellen und zu würdigen. Dass das FLL.wien hier auch ausdrücklich und ausführlich Erwähnung fand, war sehr fein und hat uns natürlich sehr gefreut 🙂 Den abschließenden Worten der Bildungsministerin ist nichts hinzuzufügen: „Es braucht grundsätzliches Verständnis, um den raschen Wandel mitvollziehen zu können. Machen Sie mit! Danke! Und bitte geben Sie ihr Wissen weiter!“

Ich sage an dieser Stelle: Danke, Sonja Hammerschmid!

More of the same – das funktioniert nicht länger

Jetzt aber zum Hasen und zum Igel. Wenn ich versuche, das gemeinsame Muster, das sich durch die Keynotes von Philipp Ikrath (Generation Ego – Wie die Jugend tickt: Konsequenzen für die Schule), Stephen Reid (Game Changers – Games that change the way we teach) und Lisa Rosa (Lernen im digitalen Zeitalter) zieht, in dessen Kontext ich auch meine Präsentation des gerade veröffentlichten Europäischen Rahmens für die digitalen Kompetenzen von Pädagoginnen und Pädagogen (DigCompEdu) gestellt habe, dann lautet das: More of the same – funktioniert nicht länger …  Genau diese Worte hat auch Dirk von Damme, Chef der OECD Skills Beyond Schools Division am 27.10. dieses Jahres gefunden. Angesichts von Studien, die verdeutlichen, dass bereits auf dem heutigen Stand der Computertechnik mehr als 90% der Schreib-, Rechen- und Problemlöseaufgaben von Menschen durch  IT und KI (Künstliche Intelligenz) ersetzt werden können, kommt es nicht mehr darauf an, da und dort ein wenig besser zu werden, nachzujustieren, im Schnitt mehr PISA-Punkte als Deutschland zu haben, noch eine Statistik mehr zu befüllen etc. Das ganze Spiel muss ein neues werden – ja wird ein neues. Und wer das nicht verstehen will, dem kann es leicht wie dem Hasen gehen, der – more of the same – noch einmal und noch schneller läuft. Bis es einfach nicht mehr geht … Stattdessen hätte er besser innegehalten, der Hase, links und rechts geschaut und vielleicht verstanden, dass der Igel ein ganz anderes, intelligenteres Spiel spielt. Hätte ihm gut getan, dem Hasen …

Wie „damals“ an der Uni: Philipp Ikraths „Konversatorium“ im Anschluss an seine Keynote – überfüllt bis auf den letzten Stehplatz. Und jede Minute wert …

Rückblickend werden wir es alle wieder gewusst haben …

Was tun aber bis zu dem Zeitpunkt, wo wir wissen, was geworden sein und welches Spiel da gespielt wird? Was tun angesichts einer Entwicklung, in der man mitten drinnen steckt, die unübersichtlich und zum Teil bedrohlich ist? Aus meiner Sicht haben sich auch hier wiederum in den Keynotes, aber auch in vielen anderen Beiträgen, Muster gezeigt. Ich möchte diese Muster ein wenig „ausmalen“ und folge hier als „Malbuchvorlage“ sinngemäß dem Konzept der Grundbildung, wie es u.a. gerade von Prof.em. Roland Fischer entwickelt und aktuell auch im BMB andiskutiert wird. Grundbildung meint hier ein letztlich gesellschaftspolitisches immer wieder neu zu verhandelndes Übereinkommen über die Bildungsziele, die – auf Zukunft gesehen – 14jährige erreichen sollten. Ich erlaube mir, diese Bildungsziele weniger abstrakt, sondern als kurze Aussagesätze zu formulieren.

  1. „Ich habe die Wahl und muss sie begründet treffen können.“ Lisa Rosa: Lernen – es geht nicht mehr ums „Büffeln“, es geht ums „Rauskriegen“. Stephen Reid: 1. Find a problem. 2. Find something that works. 3. Learn how to use it. 4. Apply it to the problem.
  2. „Die Leben in der Welt ist nicht ‚Schicksal‘, sondern in Verantwortung gestaltbar.“ Lisa Rosa: Nicht: „Finde das Osterei!“ Sondern: „Mach dir deinen Sinn!“ Sandra Schön: Making = Entrepreneurship = Welt gestalten – und ein bissl besser machen.
  3. „Ich bin in der Lage, mit anderen gemeinsam komplexe Problemstellungen zu meistern.“ Philipp Ikrath; Stephen Reid; Lisa Rosa: Es geht darum, die Kinder und Jugendlichen machen zu lassen. Schließlich wird das ihre Welt. Individuell und kollabroativ: Projektlernen. DigCompEdu: Empowering Learners.

Sollte ich mir im Erkennen dieser Muster etwas einbilden, bleibt mir der Trost, dass ich damit zumindest in guter Gesellschaft war 😉 Unter anderem auch in finnischer: Die haben diesen Fokus auch schon im Lehrplan als sog. Phenomenon based learning.

Last, but not least: Über die Produktionsmittel des Selbstbewusstseins

Die letzte Woche war dicht. Und die Frage der Medien und der Bildung und deren Wechselwirkung zog sich wie ein roter Faden durch. Die vielleicht etwas „sperrig“ klingende Rede von den „Produktionsmitteln des Selbstbewusstseins“, angefeuert durch Franz Josef Rölls Keynote bei der bOJA-Fachtagung #digitalejugendarbeit letzten Sonntag, 19.11.2017, ebenso wie durch Philipp Ikraths schon erwähnten Beitrag, wird vielleicht durch die folgendes Bild und dessen Interpretation verständlicher:

Unser Selbstbewusstsein entsteht laufend gewissermaßen durch „Objektivierung“ in der „Reflexion“ – wir erkennen uns erst im Spiegel und in dem Objekt, das wir dort wahrnehmen. Dieser Prozess geschieht vermittels Medien – also medial – auf allen vorstellbaren Kanälen. Franz Josef Röll: „Wir sind die Summe von dem was andere uns gesagt haben, dass richtig und falsch ist.“ Heutzutage findet dieser Prozess aber beileibe nicht mehr hauptsächlich im Medium der Sprache statt; insb. die (digitalen) Sozialen Medien stehen als „Selbstermächtigungsinstrument“ Jugendlichen zur Verfügung, mit dem sie laufend an dem, was sie sind bzw. sein wollen bzw. (und insbesondere) sich damit von anderen unterscheiden möchten, basteln. (In der Anthropologie spricht man nicht von ungefähr von „Bricolage„.) Die Sozialen Medien sind dabei zunehmend auch so etwas wie „die Hinterglasmalerei“ oder das Fenster (Instagram? YouTube?), durch das man anderen einen Blick auf sich selbst gewährt. Eine Art „halbdurchlässiger Spiegel“ gewissermaßen. Auffallen auf Teufel-komm-raus. Groß sein in der jeweiligen Nische. Aber immer noch in Abhängigkeit von der Resonanz anderer – und wenn es „nur“ die Anzahl der „likes“ sind, die das Friday-Night-Outfit erntet …

Wer diese Gedanken vertiefen möchte, dem empfiehlt Philipp Ikrath Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten – Zum Strukturwandel der Moderne. M.E. sollte man das parallel mit Hartmut Rosa: Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung lesen. (In beiden Fällen genügt durchaus eine ausführliche Buchbeschreibung – beide Autoren lesen sich nämlich teilweise ausgesprochen sperrig: Soziologen eben ;-).

Mehr als eine Nuss, die es da noch zu knacken gilt …

Think!

Lisa Rosa hat gestern Nachmittag zu diesen Zusammenhängen im Kontext des Lernens u.a. den folgenden trefflichen Satz gesprochen: „Medien sind mehr als eine ‚Kiste‘, in der (Lern-)Stoff ausgeliefert wird.“ Ich geselle dem noch einen weiteren, abschließenden Gedanken hinzu, den ich – leider – in der letzten Woche in allen Keynotes vermisst habe. Von keiner der vortragenden Personen wurde die Frage nach den Eigentumsverhältnissen an den sowie den ausgeübten Machtverhältnissen durch die – beispielsweise – Sozialen Medien geäußert. Keine unerhebliche Frage, wenn davon so viel abhängt, will mir scheinen …

Thomas Nárosy

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