The Purpose of School – englische Einsichten

17. März 2018

Alle sind anders anders. Und wenn 20 Österreicherinnen und Österreicher in einem 48-stündigen Marathonprogramm die Londoner EdTech (educational technology) und Schulszene erkunden, dann nehmen die natürlich alle Unterschiedliches wahr. Dieser Beitrag erhebt also nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; vielmehr folgt nun eine zweifellos persönliche Reflexion des Anfang dieser Woche Erlebten. Ich würde mich freuen, wenn die Reisegefährtinnen und -gefährten ihre Ansicht vielleicht weiter unten posten? Und wenn diese wunderbare Reise der Anfang eines fortgesetzten Diskurses wäre? Ah ja: Das Foto links, aufgenommen in der Grazebrook Primary School im Londoner Stadtteil Hackney, wurde von deren Leiterin, Jess Hutchison, mit den feinen Worten kommentiert: “This is not chaos. This is creativity at work.”

Die Gefährten

Patrick Zöhrer, dem Obmann des Vereins (und FLL.wien-Partners) Future Learning, ist die Initiative zur “Marktsondierungs- und Zukunftsreise” Zukunft der digitalen Bildung – London von 11. bis 13. März 2018 zu verdanken, die von der WKO, genauer: dem AußenwirtschaftsCenter London (Bild rechts)  organisiert wurde. Dem großartigen Michael Gray verdanken wir ein unglaublich dichtes, hochwertiges Programm, das Inspiration und tiefe Einblicke in die englische EdTech-Szene und ins britische Schulsystem insgesamt erlaubte. Danke auch an Christian Kesberg, den österreichischen Wirtschaftsdelegierten in London, sowie seine Stellvertreterin Esther Maca, die uns vorzügliche und zuvorkommende Gastgeber/in und Begleiter/in waren.

Wir, das waren 21 Personen aus Österreich: Vertreter/innen von (Schulbuch-)Verlagshäusern, IT- und EdTech-Unternehmen, Behörden, Fach- und Pädagogischen Hochschulen, Banken und natürlich vom FLL.wien, die gemeinsam lernen wollten, was sich in London eben in Sachen Bildung mit Fokus auf die Educational Technology und die Digitalisierung so lernen lässt.

Denn (Zitat aus dem Ausschreibungstext der Veranstaltung): “London macht Schule: Die britische Hauptstadt ist nicht nur Wahlheimat von über 200 EdTech-Startups, sondern auch Sitz internationaler Bildungsverlage wie Pearson und Kaplan und Standort weltweit geachteter pädagogischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen – allen voran das Institute of Education am University College London. Aus aller Welt kommen jedes Jahr im Jänner die Verfechter und Vordenker digitaler Bildungstechnologien zur Weltleitmesse BETT nach London, um einen globalen Markt, dessen Wert auf EUR 45 Mrd. geschätzt wird, zu bearbeiten. Allein britische Schulen geben jährlich EUR 900 Mio. für Bildungstechnologie aus. (…) Nicht, dass sich diese Innovation auf die reine Technik beschränkt. Vielmehr wird Bildungstechnologie in ein pädagogisches Gesamtkonzept eingebettet – ein Ansatz, der im Rahmen zunehmender Schulautonomie enormes Potenzial bietet.”

Also: Was steckt hinter diesen Zahlen? Wie verteilen sich Licht und Schatten? Und insbesondere: Was können wir hier in Österreich in der Auseinandersetzung mit der britischen Entwicklung lernen?

Die zwei Schulen

Schule: Kennst du eine, kennst du alle? Nicht wirklich. Auch wenn ein Schulhaus von außen weltweit relativ leicht als solches erkennbar ist und Kinder überall wie Kinder aussehen: Wie bei Eisbergen – der eine schimmert an der Oberfläche vielleicht etwas minzgrün, der andere hat einen Einschlag ins Weinrote – ist das Wesentliche unter der Wasseroberfläche verborgen. Genaues Nachfragen und eine gewisse Systemkenntnis bringen spannende Erkenntnisse ans Licht.

Beispielsweise in der School 21, der wir am Dienstagvormittag einen Besuch abstatten durften: Eine öffentliche Schule, die bewusst für die Kinder in der unmittelbaren (definitiv ärmeren) Wohnumgebung da sein möchte, die aber gleichzeitig in einem für österreichische Verhältnisse schier unvorstellbaren Ausmaß autonom und frei agiert. Möglich ist das durch ein Finanzierungssystem, das unternehmerisch veranlagten Pädagoginnen und Pädagogen die Gründung und Finanzierung sowie den Betrieb einer Schule mit eigenem Curriculum komplett auf Kosten der Steuerzahler/innen ermöglicht.

Peter Hyman, Gründer und Executive Headteacher erklärt uns seine Schule so: Das Schulkonzept ruhe auf den drei Prinzipien “Head. Heart. Hand. And blending the three!” Wenn man den eigenen Fokus bestimmt habe gehe es um “working backwards from what is really important.” Und dann beruhe der Erfolg einer Schule auf der Stärkung der pädagogischen Profession. “We kindle the excitement of teaching.” Das englische Schulsystem habe eine starke Tradition von “Compliance culture. Or putting them through exams.” Gegenüber dieser “Beschulungs- und Prüfungsmaschine” setze man auf eine Schule, die eine eigenwertige Phase im Leben der Kinder und Jugendlichen darstelle: “You have to value school here and now.” “It is 14 years of their life.” Wie man so eine Schule gründe, am Leben erhalte und worauf es im Wesentlichen ankomme? “The group of teachers who go off and set it up.” Und nochmals verstärkend: “The right group of teachers who will achieve it together.” Die Schule setze darüber hinaus auf “more UNDERSTANDING between schools and partners.” Vierzehnjährige verbrächten im Rahmen der Berufsorientierung über eine Phase von 17 Wochen in Zweierteams jeweils einen Tag in der Woche in einer der Partnerinstitutionen der Schule, in deren Reihen sich beispielsweise das Justizministerium oder Großbanken befänden. Den Partnern werde die Aufgabe ans Herz gelegt: “If you take two students: What amazing projects can you do with them?” Bei aller Freiheit der Schule sei aber betont: “We can’t go crazy.” Auch die School 21 sei verpflichtet, dass ihre Schüler/innen die staatlichen Prüfungen (beginnend im Kindergarten mit Reception-Test über mehrere weitere Stufen bis zur mittleren Reife GCSE oder der Matura A-Level) durchliefen. Wenn er einen Wunsch freihabe, fragte einer aus unserer Reisegruppe, was er ändern würde? Eine blitzschnelle und klare Antwort: “Changing the exam system.”

Was letztlich der “Purpose of school” wäre? Die Kinder soweit zu bringen “the highest point of contribution” in ihrem Leben zu leisten.

Wer gerne mehr über diese Schule wissen möchte, sei an dieser Stelle auf einen Artikel im Guardian und auf die informative Website der School 21 selbst verwiesen.

Ja, die Schule hat auch einen starken IT-Schwerpunkt, wie uns Tasneem Patel, Head of Computing, in einem beeindruckenden (bemerkenswert gender- und diversity-sensiblen) Referat gemeinsam mit zwei ihrer Schüler/innen präsentierte. Im Gegensatz zu den meisten Schulen, die nur das in England verpflichtende Fach Coding anböten (hierfür wären zB unterstützende Angebote wie https://barefootcas.org.uk/ von großem Wert), realisierte die School 21 ein zusätzliches, fachübergreifendes Curriculum in ICT/Digital Literacy mit den Themenfeldern eSafety, Curate Information, Netiquette/Cultural & Social Understanding, Communication, Practical Skills, Critical Thinking and Evaluation, Collaboration & Creativity. Und man könne in ComputerScience/ICT maturieren, was nicht selbstverständlich wäre.

Als zweite Schule konnten wir die Grazebrook Primary School – ebenfalls eine öffentliche Schule im Nordosten Londons – besuchen. Im Gegensatz zur “all-through” School 21, in der Kinder von 4 bis 18 gemeinsam lernen, führt diese Schule nur Kindergarten (mit den beiden Stufen Nursery und Reception) und Grundschule der Jahrgänge 1 bis 6. Der Schulcluster der New Wave Federation, dem die Grazebook Primary School angehört, schwört ganz auf iPads. Executive Headteacher Jessica Hutchison erläuterte uns, wie sich das alles Schritt für Schritt entwickelte: Begonnen habe alles 2012 mit 30 iPads, die die ehemalige Schulleitung lieber im originalverpackten Zustand beließ, statt sie einzusetzen. Am Anfang – quick wins! – stand die Konzentration auf Airplay und Airdrop, also die einfache Übertragung auf Beamer und Datenaustausch und je sechs iPads pro Klasse. Dem folgte 2014 die Weiterentwicklung auf ein 1:1-Konzept für Lehrpersonen sowie auf einen Klassensatz von je acht iPads. 2016 dann das Upgrade auf zehn iPads pro Klasse und die Zertifizierung als Apple Distinguished School. Und seit 2017 werde iTunesU regelmäßig in der Fort- und Weiterbildung der Pädagog/innen eingesetzt.

Das Credo des IT-Einsatzes an der Schule ließe sich mit dem Worten “The Power of Choice!” zusammenfassen. IT stünde zur Verfügung wann immer sie einem pädagogischen Zweck dienlich wäre. Und alle Lehrenden und Lernenden sollten befähigt sein, diese Entscheidung kompetent treffen und deren Umsetzung mit entsprechender, leistungsfähiger IT-Ausstattung folgen zu können. “Excellence for all. The Opportunity for every child.” 

Wie das gelungen wäre? “It took time.” Jess Hutchison nennt für eine erfolgreiche Implementierung drei kritische Felder:

  1. Learning:  Hier komme es an auf “Teamwork with impact. Communication and planning. Confidence and leadership. Individual Creativity.” Und es brauche wirklich eine “vision for learning”.
  2. Teaching: “Tailored Staff CPD (continuous professional development).” Also ein maßgeschneidertes Bildungskonzept fürs Kollegium sei erforderlich. Dabei habe man auch Lehrgeld gezahlt. “App-Happiness is no good thing.” Aus dieser Not des Überflusses heraus habe man ein “Staff Skills Menu” entwickelt. Im Zentrum stünden “Core Skills”, die alle Lehrpersonen an der Schule verpflichtend beherrschen müssten. An diese schließe ein Kreis von “Intermediate Skills” wiederum gefolgt von einer weitergefassten “Breadth of Skills” an.  So hätte sich an der Schule im Laufe der Zeit ein durchaus überschaubares Set an Apps als sinnvoll etabliert: “Cross-Discipline-Apps only!” 
    Wie es denn gelungen wäre, auf diesem Weg tatsächlich alle Lehrpersonen verbindlich mitzunehmen, wollte ich wissen? Nun ja, lautete die Antwort, die Schulleitung könne das Kollegium ja zur Anwesenheit verpflichten. Und jeden Dienstag nach Unterrichtsschluss fänden sich eben die drei Kollegien des New Wave Schulclusters – insgesamt ca. 100 Lehrpersonen – für eineinhalb Stunden zur gemeinsamen Fortbildung und Projektentwicklung ein.
  3. Environment: Die Schule habe mittlerweile einen leistungsfähigen, verlässlichen technischen Partner, der sowohl die iPads im Rahmen eines Leasing-Angebots zur Verfügung stelle (und auch kaputte Geräte rasch austausche, was aber in den bisherigen Jahren erst einmal erforderlich gewesen wäre) als auch für ein leistungsstarkes, ausfallsicheres WLAN sorge. Ja, gerade das WLAN-Thema habe man am Anfang unterschätzt – eine Erfahrung, von der auch viele Schulen in Österreich ein Lied singen können …

Die Rückkehr des Manchester Kapitalismus?

England also als Wunderland “digital-inklusiven” Lehrens und Lernens auf pädagogisch höchstmöglichem Niveau? Keine Frage: Die beiden Schulen, die wir besuchen konnten, waren handverlesen – und das war gut so. Aber vermutlich gibt es auch weniger exzellente Beispiele; denn andernfalls wären es nicht die Finnen, sondern die Briten, zu denen in den letzten Jahren die Pilgerzüge der innovationsinteressierten Bildungsentwickler/innen geführt hätten. Schattenseiten des englischen Bildungswesens, so erklärte uns Dominic Norrish, Group Director of Technology der United Learning Schulgruppe, würde beispielsweise die Tatsache offenbaren, dass im Schnitt 25% (!) des Lehrpersonals in seinen Schulen innerhalb von vier (!) Jahren den Job verließen. Die beiden Hauptgründe wären (1) die an vielen Schulen angespannte disziplinäre Situation sowie (2) der externe Wettbewerbsdruck, der insbesondere durch das Prüfungssystem und die daraus folgenden Schulrankings befördert würde. Mehr und mehr Pädagog/innen sähen sich einem ständig wachsenden, unverhältnismäßigen und frustrierenden Erfolgsdruck ausgesetzt, der als gesellschaftliche Geringschätzung erlebt werden würde und dem sie sich einfach nicht länger ausliefern wollten. Und viele der besten Lehrer/innen gingen überhaupt ins Ausland und unterrichteten dort bei Spitzengehältern an englischsprachigen Schulen … Angesichts solcher Effekte versteht man Peter Hymans Top-Veränderungswunsch besser.

Wettbewerb über Kooperation zu stellen scheint generell einer der politischen Schwerpunkte der Briten in den der letzten Jahre zu sein, obwohl sie es eigentlich besser wüssten. Ich erinnerte mich beispielsweise an ein Anfang der Nullerjahre initiiertes Programm namens London Challenge, das den Londoner Schulen einen bemerkenswerten und – trotz offizieller Einstellung vor einigen Jahren – nachhaltig weiter wirkenden Aufschwung gebracht hat. Im Kern dieser Strategie stand die Kooperation von Schulleiter/innen: “In supporting leadership development, the policy team sought to establish clusters of schools to encourage them to work together. Headteachers from good and outstanding schools were chosen as ‘consultant heads’ who could share experience and expertise with other headteachers in the area.” wie in einer Publikation des King’sFund zu lesen ist. Wettbewerb und Kooperation kann man sicherlich nicht simpel gegeneinander ausspielen. Aber in der Suche nach der bestmöglichen Balance für Bildungssysteme sollte der Fokus generell auf Kooperation liegen, wie u.a. die bei Routledge 2016 erschienene Studie Global Education Reform herausarbeitete.

Menschen wie ich, die schon länger in der schulischen E-Learning Szene unterwegs sind, erinnern sich auch mit Kopfschütteln an die Nachricht, dass die Becta, die British Educational Communications and Technology Agency, um die wir die Briten damals beneideten, 2010 von der Labour-Nachfolgeregierung einfach zugesperrt wurde. Vorgeworfen wurde der Becta Ineffizienz und dergleichen, während viele (und nicht nur im United Kingdom) den Verlust der von dieser Agentur bereitgestellten generellen Orientierung sowie das damit verbundene Überblicks- und Zusammenhangswissen vermissten. Selbes Muster: Wettbewerb über alles. Und der Markt wird’s schon richten. Ob das tatsächlich so ist, darf bezweifelt werden …

Nicht zuletzt arbeiten viele der Initiativen, Unternehmen und Stiftungen, die wir im Laufe der Zukunftsreise kennen lernen durften, genau daran, die Lücke, die u.a. die Becta hinterlassen hat, zu füllen und Schulen und Unternehmen gleichermaßen Überblick und Orientierung über Wirksamkeit bzw. finanzielle Rentabilität beispielsweise der Produkte von EdTech-Unternehmen zu geben. Was ich in diesem Kontext persönlich generell vermisste war bei den vielen (und großartigen!) Einzelinitiativen der Eindruck von gesamthafter Kohärenz – ein lt. Michael Fullan wesentliches Phänomen erfolgsträchtiger Entwicklung von Schulsystemen – im Entwicklungsgeschehen generell. Aber: Zwei Tage sind kurz – und letztlich bringe ich mehr Fragen als Antworten von der Zukunftsreise mit.

Zu den Antworten, die ich mitbringe, gehören jedenfalls zwei. Und die sind:

  1. Unternehmen brauchen Märkte. Ohne die Aussicht etwas zu verkaufen ist der Anreiz etwas zu erfinden bzw. zu entwickeln notwendigerweise beschränkt. Die britischen Schulen haben – genaue Zahlen wären eine eigene, vertiefende Studie wert – im Vergleich zu den österreichischen anscheinend ungleich mehr Möglichkeiten und Freiheiten Produkte zu kaufen. Und wo jemand etwas kaufen kann, findet sich auch jemand, der etwas zu kaufen bereitstellt.
  2. Die Briten sind in weitaus höherem Maße als hierzulande unternehmerisch denkende Menschen. Und das gilt nochmals verstärkt für die Tausenden von Startups im EdTech-Bereich, die zT faszinierende Lösungen entwickeln.

There and back again

Stichwort Entrepreneurship: So wie der finnische “Schuleisberg” beispielsweise von einer einzigartigen Wertschätzung gegenüber seinen Pädagog/innen getragen wird, sitzt das unternehmerische Erbe der Briten Jahrhunderte tief. (Wer sich selbst davon überzeugen will, kann das beispielsweise in Voltaires 1734 erschienenen Briefen aus England nachlesen.) Das kann natürlich in weiterer Folge dazu führen, dass etwas, das aus österreichischer Perspektive als überzogener Wettbewerb erscheint, aus britischer Perspektive ganz normal ist und gar nicht anders sein kann. Umgekehrt könnte es sein, dass die österreichische Regulierung der schulischen Verhältnisse, denen von Engländer/innen sicherlich das Präfix “Über-” vorangestellt werden würde, einige Probleme, mit denen auf der Insel gekämpft wird, erst gar nicht entstehen lässt.
Bottom line: Wer in Österreich als EdTech-Unternehmen reüssieren möchte, muss unter den herrschenden Marktverhältnissen vielleicht mit der Schulmedienindustrie aka Schulbuchverlage zusammenarbeiten?

Eine generelle Bestätigung erfuhr der common sense, dass es Leadership, unternehmerisches Denken und verbindliche Zusammenarbeit im Team braucht, um Schule zu verbessern. Das lernt man aus der good practice der englischen genau so wie der österreichischen Schulen. Und man wird darin durch die Erkenntnisse der einschlägigen Forschung weltweit bestätigt. Gleichzeitig gibt es in der Umsetzung dieser generellen Erkenntnis nicht den one and only way, sondern eine erfrischend-diverse Vielfalt an Wegen, zum richtigen Ziel zu kommen.

Was nehme ich noch mit? Eine tour de force entlang der Beiträge der von Michael Gray versammelten Vortragenden:

  • Caroline Wright, Director General der besa (British Educational Suppliers Association): Die besa repräsentiert ca. 80% des EdTech-Marktes und organisiert die weltweit anerkannte BETT-Show. Caroline gibt u.a. einen Überblick über das Verwendungsspektrum von IT an englischen Schulen; beispielsweise verwenden über 50% aller Primarschulen und 85% aller Sekundarschulen IT-Systeme zur Kommunikation mit den Eltern.
  • Der schon weiter oben erwähnte Dominic Norrish, Group Director of Technology der United Learning Schulgruppe, gibt in seiner Präsentation vertiefte Einsichten zum Technologieeinsatz an Britischen Schulen. Er betont, dass der erfolgreiche IT-Einsatz immer mit der entsprechenden Pädagog/innenbildung einhergehen muss und formuliert als Vision: “Have access whenever you need it. And don’t talk about it any more.”
  • Mark Martin, charismatischer Urban Teacher und Gründer, erzählt unter anderem von LabGap: “LabGap helps to connect schools and tech companies together in a seamless format. This is done by completing a short form, which provides LabGap the information to match each party. The LabGap Sessions last for approximately 1 hour and gives the school & ed-tech company a greater understanding of each sector.”
  • Stephen Heppell, Professor of New Media Environments an der University of Bournmouth, bringt Beispiele innovativer Schul- und Lernraumarchitektur (zB learniture) aus der ganzen Welt und stellt ein User Manual zur Entwicklung von Agile Learning Spaces vor.
  • Sarah Horrocks, Director, London Connected Learning Center, stellt ein breites Spektrum an Unterstützungsangeboten für Schulen und Familien sowie ihre Studie Educational blogs and their effects on pupils’ writing vor. Mit der Einstellung der öffentlichen Finanzierung 2011 mussten 90% der CLCs landesweit ihre Tätigkeit als Fortbildungseinrichtungen beenden; das London CLC finanziert sich aus Spenden und durch Weiterverrechnung seiner Leistungen an die Schulen.
  • Katy Potts, Computing and E-Safety Lead for Children’s Services Islington Council Laycok PDC, präsentiert u.a. einen EdTech Starter Kit for Parents, Education Espresso und ein School Online Safety Self Review Tool.
  • Alison Clark, EDUCATE Project, stellt die Vorgangsweise der Initiative im Dreieck EdTech – Education – Research vor. Mit Pragmatismus, Diversität und Offenheit bringt man Unternehmen entlang der drei Fragen: “What is the product? Who’s problem is it going to solve? What is the product’s USP?” forschungsorientiert mit denjenigen, die ein Produkt verwenden, zusammen.
  • James Turner, Deputy Chief Executive der Education Endowment Foundation, beschreibt die Mission seiner Stiftung mit “helping teachers to make better decisions to help (disadvantaged) children.” Besonders bemerkenswert ist m.E. das von der Foundation entwickelte EFF Teaching and Learning Toolkit. Gestützt auf weltweite Forschungsdaten orientiert das Werkzeug darüber, welche Intervention bzw. Schulentwicklungsstrategie mit welchem budgetären Aufwand und welcher voraussichtlichen Wirksamkeit verbunden ist. CHECK IT OUT!
  • Lucy Head, Impact Director, nesta. Was macht diese Stiftung? “We seek out, spark and shape powerful new ideas, joining with others to take on the big challenges of our time and shift how the world works for everyone.” Mit anderen Worten: Hier werden aus vielen möglichen die wahrscheinlich erfolgversprechenden StartUps und Ideen für potentielle Investoren selektiert und zur Finanzierung empfohlen. Lesenswert übrigens auch die Studie der nesta über zukünftige Anstellungsvoraussetzungen: The Future of Skills: Employment in 2030.
  • Katherine Weber, Partnership Manager, Future Learn, stellt mit diesem 100%igen Tochterunternehmen der Open University die größte MOOC-Plattform Europas vor. Katherine gibt u.a. Einblick in die über Jahre hinweg entwickelte Typologie der Lerner/innen-Archetypen auf der Plattform: Advancers. Preparers. Explorers. Flourishers. Fixers. Vitalisers. Hobbyists. Diese Daten stehen wiederum Anbietern zur Optimierung ihrer Kurse auf der Future Learn Plattform zu Verfügung.
  • Berhard Niesner, CEO, busuu, österreichischer Gründer in London, stellt – last, but not least – sein international erfolgreiches, community-basiertes Sprachlernservice vor und gibt – off the record – einen interessanten Einblick aus seiner Sicht in die Unterschiede zwischen österreichischem und britischem Schulsystem.

Wieder zurück in Österreich – leicht erschöpft – voll von Eindrücken. Was wären in Summe die Dinge, die ich hinsichtlich der Zukunft der digitalen Bildung auf dieser Reise gelernt habe?

  1. Einmal mehr: Pedagogy first. Egal ob man Schulen oder Software bzw. Content für diese entwickelt: Man muss vom Lernen bzw. der Wirksamkeit fürs Lernen ausgehen.
  2. Das FLL.wien-Konzept ist goldrichtig. Es braucht genau solche Räume, Gelegenheiten und Initiativen zwischen “innen” und “außen” in der Bildung. Mehr verschränkte Forschung und Entwicklung. Mehr gemeinsame Bildungsreisen. Mehr interdisziplinären Diskurs. Mehr gemeinsames, vernetztes, interdisziplinäres voneinander und miteinander lernen.
  3. Im Bildungsbereich gilt: Kooperation ist wichtiger als Wettbewerb.
  4. Wir bräuchten in Österreich so etwas wie eine Stiftung mit “pädagogischem Risikokapital”. Mit wirklich relevant viel Geld – zB 50 Millionen Euro für den Anfang: ganz kühn gedacht! -, die zu Neuem, bisher nicht da gewesenen Ideen und Initiativen ermutigt und die unternehmerisch denkenden Menschen in diesem Land versammelt, herausfordert, und auch bezahlt. Eine Innovationsstiftung für Bildung beispielsweise … Moment – war da nicht irgendwas???

Post Scriptum

London ist ja immer eine Reise wert. Bis 9. September beispielsweise auch um eine unglaubliche Picasso-Ausstellung in der Tate Modern zu sehen. Picasso 1932 – Love, Fame, Tragedy hat die buchstäblich im Tagesrhythmus im Jahr 1932 entstandenen Meisterwerke des spanischen Wahlfranzosen aus aller Welt versammelt. Ein Panoptikum besonderer Güte.

Thomas Nárosy

Eine Antwort zu “The Purpose of School – englische Einsichten”

  1. Beeindruckender Bericht, der auch das Zusammenspiel vieler Komponenten (nicht zuletzt der engagierten Pädagoginnen) für das Gelingen der Digitalen Transformation aufzeigt.
    Dass die österr. Bildungsinnovationsstiftung noch vor dem eigentlichen Start ins Schleudern gerät, ist für mich ein Trauerspiel erster Ordnung …

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